Donnerstag, 13. Dezember 2007

ursula.

ursula ist eine stammkundin in unserem laden. sie ist etwa mitte/ende 30, wohnt mit ihrem mann in mainz und kommt zwei- bist dreimal jährlich nach freiburg. und jedesmal wenn sie hier ist, kommt sie uns im laden besuchen. wenn sie vor der tür steht ruft und winkt sie von draußen so lange, bis eine von uns verkäuferinnen sie bemerkt. während eine von uns dann die kleiderständer ein wenig zur seite rückt, macht die andere ihr die tür auf, bückt sich, um ursula mit einer herzlichen umarmung zu begrüßen und hilft ihr, die kleine stufe zum ladeneingang zu bewältigen.

ursula sitzt im rollstuhl. sie hat multiple sklerose. ihre beine sind bereits fast vollständig bewegungsunfähig und auch die arme werden langsam, ganz langsam immer schwächer. ein telefongespräch muss sie nach spätestens 10 minuten abbrechen, weil ihr ihre arme dann schmerzhaft klarmachen, dass sie zu schwach sind, um den hörer auch nur eine weitere minute lang festzuhalten. manchmal fällt der telefonhörer einfach zu boden und wenn der mensch am anderen ende der leitung nicht bescheid weiß über ursulas krankheit, ruft er minutenlang "hallo? HALLO?!" ins telefon, während ursula sich unter tränen die schmerzenden arme hält. bis der schmerz soweit abgeklungen ist, dass sie das telefon wieder aufnehmen kann, hat das gegenüber längst aufgelegt. jederzeit kann ein neuer schub kommen und weitere teile ihres körpers plötzlich bewegungsunfähig machen. sie könnte von heute auf morgen blind werden oder ein schwerstpflegefall. bewegungsunfähig und nicht nur angewiesen auf, sondern abhängig von der hilfe anderer.

dass das passieren wird, ist sicher. nur wann es passieren wird, kann niemand voraussagen. es ist jederzeit möglich. vielleicht passiert es gerade jetzt, in dieser minute, vielleicht wird ursula bei ihrem nächsten besuch nicht mehr winken, sondern nur noch rufen können. vielleicht sehe ich sie auch überhaupt nicht mehr wieder. niemand weiß das, aber die gewissheit darüber schwebt als erbarmungslose drohung permanent über ihr wie eine düstere gewitterwolke.
ursula könnte angst haben davor. sie könnte depressiv werden, um das leben trauern, das sie wegen dieser krankheit nie leben konnte. ich weiß gar nicht, ob sie vielleicht gerne kinder gehabt hätte. vielleicht würde sie gerne reiten gehen, oder schwimmen. vielleicht würde sie ihre urlaube gerne wandernd in den pyrenäen verbringen oder skifahrend in österreich. kann sie aber nicht, denn sie sitzt mit schmerzhaften lähmungen im rollstuhl, sie wird stück für stück immer bewegungsunfähiger werden und irgendwann relativ jung an dieser krankheit sterben. niemand könnte es ihr ernsthaft übelnehmen, wenn sie darüber depressiv würde.

sie denkt aber gar nicht daran. stattdessen arbeitet sie halbtags in eienm museum, besucht konzerte, verbringt kostbare stunden mit freunden, liest viel, lacht viel und strahlt diese unfassbare lebensfreude aus. kein gedanke wird verschwendet an das, was sein könnte, aber nicht ist. kein einziger.

"das nächste mal, wenn es dir schlecht geht, denkst du mal ein bisschen an mich". das waren die worte, mit denen sie sich nach ihrem letzten besuch in unserem laden von mir verabschiedete.

[und jetzt denke ich an dich, ursula. und ich schäme mich dabei.]